Cannabis-Geschichte: die meist unterschätzte Nutzpflanze der Welt

November 07, 2019

Einst allseits geschätzt, dann politisch verbannt


Was hat die 1455 erstmalig gedruckte Gutenberg-Bibel mit der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 gemeinsam? Das Hanfpapier, auf dem gedruckt bzw. unterzeichnet wurde. Auch Christoph Kolumbus trat seine Überfahrt nach Amerika mit Segeltüchern und Tauen aus Hanf an und selbst Klamotten warten wurden einst aus Hanf, nicht Baumwolle, hergestellt. Da stellt sich die Frage: Warum ist unser Druckerpapier aus Zellulose, obwohl Hanf das nachhaltigere und ergiebigere Material wäre? Warum werden unsere Pullis aus Baumwolle genäht, obwohl Hanffasern länger, stärker, langlebiger sind? Die Antwort steckt in der Geschichte. Und die reicht nicht bloß weit zurück, sondern ist geprägt von politischen und nicht zuletzt willkürlichen aber folgenreichen Entscheidungen. Blicken wir zurück.


Von Asien aus auf Welttournee


Man geht davon aus, dass Hanf bzw. Cannabis seit rund 10.000 v. Chr. als Nutzpflanze angebaut wird. Die Hochkultur des alten Chinas wurde maßgeblich durch die vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten der Pflanze geprägt, auch die Kleidung im Alten Ägypten wurde aus Hanf hergestellt. Seile, Segeltücher, Kleidung und Papier – Hanf bildete die Grundlage. Den ersten Nachweis einer medizinischen Verwendung liefert ein chinesisches Schriftstück, das mutmaßlich zwischen 300 v. Chr. und 200 n. Chr. verfasst wurde. Auch in Europa sind die ältesten Funde der Hanfpflanze über 5000 Jahre alt und spätestens mit den Kreuzrittern hielt Cannabis in europäischen Klostergärten Einzug. Historisch besteht kein Zweifel: Hanf ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheitsgeschichte. Und bis in die jüngere Geschichte wurde sie weniger als Genuss-, denn vielmehr als Heilmittel und Rohstofflieferant geschätzt.


Von der Anbaupflicht zum Anbauverbot

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Im 17. Jahrhundert wurden amerikanische Farmer zum Hanf-Anbau verpflichtet, obwohl die Fasern der Baumwolle dem Nutzhanf bereits Konkurrenz machten. Dass die Baumwolle dem Hanf später den Rang ablief, lag einerseits an der 1793 erfundenen Egreniermaschine (eng. „Cotton Gin“), mit der die Baumwollfasern maschinell von Samenkapseln und Samen getrennt werden konnten – was den Grundstein der Massenproduktion legte. Andererseits gab es einige politische Entscheidungen, die den Hanf erst ein bisschen, dann gänzlich aus Industrie und Gesellschaft verbannten – und die bis heute nachwirken, mitunter sogar nach wie vor Bestand haben. Obwohl das U.S. Department of Agriculture schon 1916 festgestellt haben soll, dass Hanf als Material viermal ergiebiger ist als Holzzellulose und die absehbar steigende Nachfrage auf Dauer nicht gesund für die Waldbestände sein dürften. Und doch wurde dem Hanf eine viel unrühmlichere Rolle zuteil, als die der tendenziell überlegenen Baumwoll- oder Zellulose-Alternative. Als die Zahl der mexikanischen Einwanderer in den westlichen US-Staaten rasant zunahm und die mexikanische Revolution 1910 in den grenznahen Teilen der USA nicht unbemerkt blieb, spannte sich das gesellschaftliche und politische Klima merklich an. Mexikanische Einwanderer verdienten im folgenden Jahrzehnt ihr schmales Brot nicht selten auf den Feldern großer landwirtschaftlicher Betriebe. Den billigen Landarbeitern sagte man nicht bloß einen freudigen Cannabis-Konsum nach – sie nannten es Marihuana – sondern zunehmend auch Anstandslosigkeit, Kriminalität und Faulheit. Im offensichtlichen Rassismus verschmolz ersteres mit letzterem. Cannabis-Konsum wurde zum gesellschaftlichen Stigma, zur angeblichen Angewohnheit von Kriminellen und zum Merkmal eines vermeintlichen Sittenverfalls. Die politische Antwort: Das Verbot bzw. die Prohibition. Kalifornien verabschiedete 1913 den Poison Act, der Cannabis für illegal erklärte. Zahlreiche weitere Staaten folgten. In den amerikanischen Großstädten der Zwanzigerjahre wurde Cannabis-Konsum ebenfalls zum Bestandteil rassistischer Stereotype, die Jazzmusikern – und damit Menschen schwarzer Hautfarbe –, aber auch Personen im Showbusiness allgemein galten.


Doch nicht nur in den USA, auch in Europa wurde Hanf sukzessive als Droge betrachtet und für illegal erklärt. 1925 wurde auf der Opiumkonferenz ein Abkommen unterzeichnet, in dem Kokain, Heroin und auf Drängen Ägyptens hin auch Cannabis zu Opiaten erklärt wurden. 1929 das Abkommen trat in Ländern rund um die Welt in Kraft – nur Indien sträubte sich erfolgreich gegen das Verbot von Cannabis aufgrund der kulturellen und religiösen Verwurzelung in der hinduistischen Bevölkerung. In den Dreißigerjahren nahm der Ruf von Cannabis in den USA noch größeren Schaden durch propagandistische, reißerische Medieninhalte, deren Initiative und Initiierung mutmaßlich der damaligen Lobby aus Papier- und Holzindustrie angelastet werden kann. Hanf war ein unliebsamer Rohstoff-Konkurrent für eine mächtige Industrie. Faktisch verboten wurde Cannabis 1937 mit dem Marihuana Tax Act. Im Laufe des zweite Weltkriegs blühte der Hanfanbau noch einmal kurz auf, das Militär warb gar mit einem eigenen Film für Hanf als einen wertvollen Rohstoff in der Textilindustrie (z. B. für Uniformen) oder im Flugzeugbau. Ein Comeback von kurzer Dauer, nach Ende des Krieges trat das Verbot wieder vollumfänglich in Kraft.



Die aggressive Durchsetzung des Verbots in den USA prägte den politischen Umgang mit Cannabis über Jahrzehnte. Der Joint in den Fingern der 68er-Bewegung war deshalb nich zuletzt ein Element des politischen Protests. Auch in Europa bestimmt der längst für gescheitert erklärte, amerikanische Slogan vom „War on Drugs“ das gesellschaftliche Image und die Gesetzgebungen vieler Länder im Bezug auf Cannabis. Aber es tut sich etwas. Der medizinische Nutzen von Cannabinoiden steht mittlerweile weitestgehend außer Frage – der Einsatz ist gesetzlich reglementiert. Nicht nur in den meisten US-Staaten, sondern auch fast überall in Europa.


In den vergangenen Jahren hat jedoch auch die Anzahl der Staaten zugenommen, in denen der Freizeitkonsum von Cannabis nicht nur entkriminalisiert, sondern auch legalisiert wurde. Und es werden jedes Jahr mehr – zurecht, wie wir finden. In welchen Staaten der freizeitliche Konsum von Cannabis bereits legalisiert bzw. entkriminalisiert wurde oder der Konsum bzw. Besitz kleiner Mengen zwar illegal ist, in der Regel nicht weiter verfolgt wird, verrät folgende Karte.





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